DP Lager Fischbek – Eine Erfahrung von Krystina Dolny

Frau Dolny über das Lager Fischbek

Nach dem kurzen Verbleiben der Familie in Itzehoe und der Geburt zog sie in das DP Lager in Fischbek. In dem Lager wohnten 131 Familien in Holzbaracken, zudem gab es ein großes Steinhaus, in dem die Kindergarteneinrichtung untergebracht war. Familie Szewczyk lebte in Baracke 16 im Rostweg 7. Diese Holzbaracken waren in der Regel 8-11 Meter lang und 4,80 Meter breit1. In solchen Baracken lebten meisten zwei Familien und trennten das Haus durch Teppiche oder Bettdecken.

Trotz dieser doch eher geringen Wohnungsqualität spricht Frau Dolny davon, dass dies ihr „Paradies auf Erden“ war. Durch die vielen Kinder mit unterschiedlicher Herkunft in ihrer Umgebung fühlte sie sich immer wohl und lernte neben Deutsch und Polnisch auch Ukrainisch, Lettisch und Russisch.

Mit sieben Jahren kam Krystina dann in die Schule mit vielen anderen Kindern aus dem Lager. Dabei achtete man darauf, dass die Klassen gemischt wurden, sodass niemals eine Klasse nur aus Lagerkindern oder deutschen Kindern bestand. Zwar schildert Frau Dolny die Lehrer als immer hilfsbereit und berichtet, dass diese leistungsschwache Schüler bis zu sich nachhause nahmen, um ihnen Nachhilfe zu geben, doch trotzdem sah sich Frau Dolny als Außenseiterin. „Es hieß dann auch das sind die Polaken Kinder, heute sagt man das nicht mehr, aber das war damals schon so“. Die Mädchen der Familie fanden auch schnell deutsche Freunde und wurden dort nachhause eingeladen, während Freunde der Lagerkinder nie in das Lager kamen.

Auf meine Frage hin, ob sie noch Diskriminierungen erfahren hat, reagiert Frau Dolny erschrocken, doch schnell fängt sie sich: Nein, also meine Familie hat nie dergleichen erfahren. Wir wurden ja auch Deutsch erzogen und unsere Eltern haben uns immer vor Augen geführt es geht uns hier gut, also haben wir uns auch entsprechend benommen.“ Allerdings, so eröffnet mir Frau Dolny später gab es auch nie konkrete Entschuldigungen, die Eltern durften hin und wieder Kartoffeln bei den umliegenden Bauern nach ernten oder Kirschen pflücken, doch nie spielte sich ein Szenario ab, in dem ein Deutscher sich bei der Familie oder anderen entschuldigte.

Während der Nachkriegszeit herrschte in Hamburg eine große Wohnungsnot, sodass man später auch andere Gruppen in den Lagern unterbrachte. Dazu gehörten die Roma und Sinti und Obdachlose. Gerade die Roma und Sinti, so erzählt Frau Dolny, haben ein schlechtes Licht auf das Lager geworfen und die heimatlosen Ausländer fühlten sich dann oft falsch behandelt, versuchten klar zu machen: Wir sind nicht wie die andern.

Zeitzeugengespräch mit Frau Cords, Herrn Strüver und Herrn Schultz

Während des Gespräches stellte sich schon nach kurzer Zeit heraus, dass meine Gesprächspartner und Zeitzeugen allesamt sehr verschiedene Einstellungen zu dem Lager haben. Frau Cords die ehemalige Kindergartenleiterin des Lagers strahlt jedes Mal, wenn sie über das Lager spricht, Begeisterung aus.

Sie berichtet, dass Frau Dolny meine erste Zeitzeugin auch bei ihr im Kindergarten und ihr „Goldkind“ war. „Wenn ich jemandem zeigen wollte, dass in diesem Lager auch gute Menschen lebten, dann ging ich zu den Dolny´s“. Aber Frau Cords bleibt auch realistisch und stellt fest, dass das Lager nach Außen vermutlich abstoßend wirkte. Mitten in der schönen und ländlichen Nachbarschaft war auf einmal ein Lager aus lauter Holzbaracken und nicht immer gepflegt aussehenden Menschen, was wahrscheinlich daran lag, dass es nur in der Baracke 5 Wasser gab.

Frau Cords übernahm den Kindergarten 1954 als dieser noch eine Aufbewahrungsstätte war und versuchte die Kinder in ihrer sozialen Intelligenz zu fördern und ihnen einen guten Anschluss an die Schule zu ermöglichen. Zudem berichtet sie, dass die Kinder immer aufgefallen sein, sich zwar von den andern unterschieden, aber trotzdem mit integriert waren und oftmals auch als Lieblingsschüler der Lehrer bezeichnet worden sein sollen.

Bei diesen Aussagen schaltet sich Herr Strüver ein. Er lebt in Fischbek seid seiner Geburt und hat sowohl das Kriegsgefangenenlager, als auch das DP und Wohnlager miterlebt. „Diese Integration, die Sie beschreiben Frau Cords, die habe ich durchaus nicht gesehen. Oftmals gab es Schlägereien bei Feuerwehrfesten und in Bars“. Ich frage nach, ob diese Schlägereien auch rassistische Motive hatten, was Herr Strüver jedoch verneint. „Es war so, dass die heimatlosen Ausländer oftmals viel getrunken haben und dann versuchten Kontakt zu den Mädchen aufzubauen. Die Mädchen damals lehnten dies meisten ab“. So berichtet mir Herr Strüver von diesem ganz anderen Aspekt des nachbarschaftlichen Zusammenlebens.

Eine erschreckende Aussage meiner Meinung nach und dann stellt Frau Cords einen sehr aktuellen und klugen Bezug her. „Niemand möchte so ein Lager in der Nachbarschaft haben. Das ist eigentlich wie heute mit den Sicherheitswohnungen für die Schwerverbrecher.“
Das erste Bild jedoch, welches Frau Cords von der Aufnahme dieser Menschen in der Nachbarschaft hatte, war den Umständen entsprechend sehr gut. Erst mit der Zeit, als die DP´s immer selbstbewusster wurden und sich nicht mehr in ihrem Lager verkrochen wurden die Probleme aus der Sicht der Nachbarschaft größer.
Herr Schultz hingegen versucht den geschichtlichen Sachverhalt sehr sachlich zu betrachten. Ich erfahre, dass kaum ein Zwangsarbeiter, der nachher im DP Camp Fischbek unterkam, vorher auch dort als Zwangsarbeiter tätig war. Die meisten, so Herr Schultz waren im Hafen oder in der Hamburger Rüstungsindustrie beschäftigt.

Abschließend frage ich, ob meine Gesprächspartner (trotzdem) mit dem damaligen System zufrieden waren, oder was sie anders gemacht hätten. Frau Cords betont, dass sie diese Idee Lebens in einer abgesonderten Lagerwelt für richtig gehalten hat, um diese Menschen für das Leben in Deutschland oder im Ausland wieder vorzubereiten, Kinder zu bilden und traumatische Erinnerungen an die Zwangsarbeit im 2. Weltkrieg zu mildern. Herr Cords und Herr Strüver hingegen distanzieren sich davon: „Aufgrund der damaligen Gegebenheiten war ein anderes System gar nicht möglich. Heute würde die Politik wahrscheinlich ausführlicher über genanntes System diskutieren, jedoch letztendlich auf das gleiche Ergebnis kommen.“

Abschließend habe ich durch dieses Gespräch erfahren, dass die Meinungen zum DP Camp Fischbek sehr ambivalent gestaltet sind. Auf der einen Seite habe ich mit Frau Dolny eine Zeitzeugin, die durchaus begeistert von diesem Lager war und es als „Paradies auf Erden“ beschreibt. Dann habe ich eine Kindergartenleiterin, die ihr Leben lang für diese Zwangsarbeiter gekämpft hat, sie gebildet und erzogen hat. Man merkt wie sehr sie an diesen Kindern hängt. Gerade aufgrund dieser Tatsache bewundere ich sie für ihren Scharfsinn, mit dem sie trotzdem erkannt hat, dass die Nachbarschaft dieses Lager überwiegend ablehnte.

Nicht zuletzt habe ich mit Herrn Schultz und Herrn Strüver zwei weitere Meinungen, die sich eher von dem Lager distanzieren. Während Herr Schultz dieses System allerdings für komplett gescheitert und auch die Integration für misslungen hält, bleibt Herr Schultz stets sachlich und weißt auf Umstände und Gegebenheiten hin, die diese Tatsachen erst ermöglichten.

Die Presse über das DP Lager Fischbek

In den Jahren 1948 und 1950 schaffte es das DP Lager dreimal in die Zeitung Hamburger Abendblatt. Hierbei gab es nie einen Bericht über das Lager an sich, sondern nur eine Analyse von aktuellen Vorfällen. So erschienen Storys wie: „DP Lager unter deutscher Verwaltung“, „Hühnerräuber erwischt“ und „Erzbischof Dr Fischer in Hamburg“.

Die erste Story „DP Lager unter deutscher Verwaltung“ ist hierbei nicht unwichtig. Denn am 1. Juli 1950 gingen die 6 DP Lager Hamburgs in deutsche Hand über, das heißt die IRO und die Alliierten gaben Organisation und Verwaltung der Lager an die Bezirksämter weiter und alle Lagerinsassen wurden deutsche Staatsangehörige.

Die weiteren Storys sind dann doch eher nebensächlich. Zwei Lagerinsassen aus Fischbek hatten 3 Monate lang in mindestens 20 Fällen Hühner, Schweine und anderes Kleinvieh gestohlen und am 27.11.1948 besuchte der Erzbischof von Canterbury das sehr religiöse Lager Fischbek – eine für die Lagerbewohner großartige Erfahrung.

1Akte zum DP Lager Fischbek, Signatur 63.20 -9 / 1a

1 Kommentar:

  1. ich habe als ältester von 8 Geschwisterkindern in diesem Lager gewohnt. Ich hätte gerne Fotos aus dieser Zeit. Auch wenn es die schrecklichste Zeit meines Lebens war.

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